Vom Kriegsmahnmal zum Ökokraftwerk

26.09.2019

Ein einzigartiges Projekt in Hamburg-Wilhelmsburg zeigt 2013, wie der Brückenschlag von der Vergangenheit in die Zukunft gelingen kann: im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) realisierte HAMBURG ENERGIE den Energiebunker. So wurde ein Ort, an dem während des Zweiten Weltkriegs zehntausend Menschen Schutz suchten, ab 2011 in ein modernes Ökokraftwerk verwandelt: Der ehemalige Flakbunker ist heute Kriegsmahnmal, Ausflugsziel, Café und Energiezentrale für ein ganzes Quartier.

Riesig türmen sich die mächtigen Mauern in der Neuhöfer Straße vor dem Besucher auf. 57 auf 57 Meter misst der Koloss und ragt fast 42 Meter in die Höhe, weit über die Baumwipfel des umliegenden Stadtparks hinaus. Rund 80 Einfamilienhäuser fänden problemlos im Gebäude Platz. Oder das Kirchenschiff des Hamburger Michels. Wer sich im ehemaligen Bunker auf Entdeckungsreise begibt, ist hin- und hergerissen: Da ist auf der einen Seite das beklemmende Gefühl, das sich angesichts der dunklen Geschichte des Kriegsmahnmals einstellt. Auf der anderen Seite die Faszination über die Perspektiven, die die zukunftsweisende Technik mit sich bringt.

Querschnitt in die neue Wärmezentrale

Visualisierung des Bunkers mit solarer Hülle

Bauarbeiten am Energiebunker

Installation der Photovoltaik

Das neue Panoramafenster

Vorbild für die energetische Zukunft ganzer Metropolen

Rund 80.000 Kubikmeter Stahlbeton waren bis 1943 in kurzer Zeit verbaut worden – bis zu drei Meter stark die Wände, bis zu vier Meter dick die Decken. Von der gezielten Sprengung durch die Briten im Jahr 1947 ließen sich die Außenmauern nicht beeindrucken. Sie blieben stehen, während Stützpfeiler und sechs der ursprünglich acht Etagen im Inneren zusammenbrachen. Das Gebäude galt seither als einsturzgefährdet, mehr als sechs Jahrzehnte lang durfte es niemand betreten. Im Jahr 2006 nahmen die Macher der Internationalen Bauausstellung (IBA) den Stadtteil und das Gebäude ins Visier. Unter dem Motto „Erneuerbares Wilhelmsburg“ sollte die Vision eines klimaneutralen Stadtteils entwickelt werden – als Vorbild für die energetische Zukunft ganzer Metropolen. Die Umnutzung als Energiebunker gilt dabei als eines der spektakulärsten Vorzeigeprojekte.

Bei der öffentlichen Ausschreibung des ambitionierten Konzepts konnte sich HAMBURG ENERGIE durchsetzen. Bevor es losgehen konnte, musste die Ruine statisch gesichert und die Fassade saniert werden. Rund 25.000 Tonnen Schutt wurden dazu rausgeräumt. Ab dem Frühjahr 2012 entstand dann Schritt für Schritt das Herzstück der neuen Anlage: die Energiezentrale. Den besten Blick darauf hat man von einer erhöhten Galerie in der Nähe des Fensters, welches aufwändig in die massive Wand des Bunkers geschnitten wurde.

Wärmespeicher als zentrale Innovation

Die zentrale Innovation des Energiebunkers ist der Wärmespeicher – ein über 20 Meter hoher, gut isolierter Wassertank. Er ist die Voraussetzung dafür, dass regenerative Energien zum ersten Mal großflächig für die Versorgung eines Ballungsgebiets eingesetzt werden können. Der Tank fasst zwei Millionen Liter Wasser. Im Inneren herrschen Temperaturen zwischen 60 und 90 Grad. Warmwasser und Heizwärme werden über ein Nahwärmenetz in die Haushalte des umliegenden Weltquartiers geliefert. Und zwar genau dann, wenn sie gebraucht werden. Auf diese Weise können Nachfragespitzen abgepuffert werden, zum Beispiel morgens, wenn der Wärmebedarf besonders hoch ist. Die Folge: Aufgrund der Pufferwirkung halbiert sich die für die Wärmeerzeugung notwendige Leistung von elf auf 6,5 Megawatt. Das reduziert nicht nur CO2, sondern rechnet sich auch wirtschaftlich.

Ein Bündel regenerativer Energiequellen

Die Energie im Speicher des Bunkers stammt aus einer Vielzahl verschiedener Quellen, die intelligent miteinander verbunden sind: die Abwärme eines benachbarten Industriebetriebes und die Wärme eines mit Biomethan betriebenen Blockheizkraftwerkes sowie die Energie aus der Solarthermie auf dem Dach.

Diese Solarthermieanlage befindet sich auf einer einmaligen Stahlkonstruktion, wodurch sie über dem Bunker zu schweben scheint. Die Vakuumröhren-Anlage besitzt 1.350 Quadratmeter Kollektorenfläche und ist damit die bis dato größte in Deutschland. Sie ist sehr leistungsfähig und erzeugt selbst bei geringer Sonnenstrahlung hohe Temperaturen. Im Jahr kommt sie auf eine Leistung von 500 Megawatt. Für die Installation war ein 60 Meter hoher Kran notwendig. Die Photovoltaik zur Stromerzeugung wurde mit mobilen Hebebühnen an der Südseite angebracht. 16 Reihen mit Solarmodulen mit einer Fläche von 670 Quadratmetern produzieren hier fast 3.000 Megawattstunden Sonnenstrom im Jahr, der im Wesentlichen die technischen Anlagen im Bunker versorgt.

Weiteres Element des Energiemixes ist ein Blockheizkraftwerk, das mit Biomethan befeuert wird. Mittels Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt es erneuerbare Wärme und Strom, und das besonders effizient. Schließlich gibt es für den Notfall noch einen Spitzenlastkessel, der mit Erdgas betrieben wird. Der kommt aber nur dann zum Einsatz, wenn die regenerative Energie nicht ausreicht.

Im Vergleich zur konventionellen Wärmeerzeugung mit Erdgas entsteht beim Energiebunker 95 Prozent weniger CO2, was einer Einsparung von etwa 6.600 Tonnen im Jahr entspricht.

Energieerzeugung mit Weitblick

Eine Besonderheit des Energiebunkers ist die Möglichkeit, ihn selbst zu erleben. In einem der Flaktürme wurde das Café <vju> eingerichtet. Von dort und dem umlaufenden Balkon aus kann man nicht nur einen wunderbaren Blick auf Hamburg genießen, sondern über Informations-Cuben und deren QR-Codes auch die Geschichte des Kriegsmahnmals erleben. Zusätzlich bietet HAMBURG ENERGIE Führungen in das Herz dieses einmaligen Ökokraftwerks an.